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Spurensuche: Barbarossas
Schicksal im 19. Jahrhundert
Geschichte umhüllt sich oft mit vielen Schichten. Will man an die Ursprünge heran, muss man diese Schichten abtragen - wie beim Renovieren. So gestaltete Dr. Werner Trosts seine »Spurensuche« zu Barbarossa in Erlenbach. Mit seinem Vortrag zum Festakt zertrümmerte er elegant die Bestandteile der Sage, die als Anlass für das Festjahr »825 Jahr Verleihung der Marktgerechtigkeit« in Erlenbach dient. Gefeiert wird aber trotzdem - oder vielleicht sogar umso heftiger.
Nach mehreren langen Grußworten sollte Historiker Trost das abschließende Wort zu den wissenschaftlichen Vorträgen liefern, die in den vergangenen Wochen die Hintergründe zu Barbarossas angeblicher Rettung in Erlenbach im Jahr 1183 beleuchteten. Seine »Spurensuche« machte aber deutlich: Am Barbarossa-Bild, wie es in Erlenbach gepflegt wird, »haben mehrere Generationen mitgearbeitet«. Ähnlich wie in der Kirche St. Peter und Paul im Dorfkern, könne man die Ursprünge kaum mehr erkennen. Dennoch machte er sich daran, die Schichten, die sich auf das Bild gelegt haben, abzukratzen. Da sei in den letzten 100 Jahren nicht erst mit der Namensgebung von Schule und Straße der Kaiser aufgewertet worden. Schon 1935 wurde das Theaterstück »Der treue Linn« von Josef Hiefinger verfasst und von Dorfbewohnern aufgeführt. Aber vor allem in neuerer Zeit kokettiere man gern »mit hohem Alter« - auch aus Marketingzwecken. Wichtig fürs Verständnis der Sage fand der Referent die Geschichtsbegeisterung des 19. Jahrhunderts. Die Barbarossa-Sage tauche erstmals in dieser nationalbegeisterten Zeit auf, nämlich 1851 in Herrleins Spessartsagen. In derselben Ausgabe finde sich die Rettung von »Friedrich dem Rotbart« aber gleich noch einmal: In Freigericht soll es sich genauso zugetragen haben. Der Barbarossa-Mythos habe eben als Verherrlichung des Kaisertums gedient. Selbst das Erlenbacher Stadtwappen mit dem Doppeladler könne man nicht auf den Kaiser zurückführen. Außerdem sei der Doppeladler auch am südlichen Stadttor von Obernburg zu finden. Die Marktrechte am Ort hielt Trost aber für wahrscheinlich, schließlich sei hier ein geeigneter staufischer Stützpunkt gewesen. Die Rechte seien aber dann wohl später an Klingenberg übertragen worden. Die Verknüpfung mit Barbarossa hält Trost aber für eine erfundene Sage, die »von der Sehnsucht der Menschen nach Recht und Ordnung« erzählt und »zur Identifikation der Einwohner mit ihrer Gemeinde beitrug«.
Bestes Beispiel für dieses Resumee schien der Bürgermeister selbst zu sein, der nach dem Vortrag mit den trotzigen Worten »Diese Sage ist wahr!« ans Mikrophon trat.
Passend zu Trosts Thesen hatte die grandiose Junge Philharmonie Erlenbach unter der Leitung von Holger Blüder zwei leuchtende Werke des 19. Jahrhunderts ausgesucht: Richard Wagners Kaisermarsch, mit dem er sich 1871 dem neuen deutschen Kaiser Wilhelm I. empfehlen wollte. Und Beethovens 5. Sinfonie mit dem bekannten »Schicksalsmotiv«. Sehr frisch, und trotz pompöser Anklänge bei Wagner stets mit graziöser Transparenz, schufen die Streicher und Bläser einen wunderbaren Gesamtklang in der Frankenhalle, hielten Spannungen und Kraftausbrüche bemerkenswert gelassen aus. Ein wahres Aushängeschild der kleinen Stadt, die ihre Talente an diesem Tag im allerbesten Licht zeigen konnte.
Artikel aus Main-Echo vom 29.4.2008 |