JEG-Kollegiaten wecken Leselust. Heiko Wolz präsentiert seinen zweiten Roman Das Mädchen auf dem Seil

 

Trotz Fußballfieber und sommerlicher Temperaturen waren am Dienstagabend etwa 25 Bücherfreunde zum Literaturtreff in die Stadtbibliothek gekommen, um sich wieder lohnende Leseanregungen zu holen.

 

 

 

Bibliotheksassistent Sascha Papke freute sich, Dr. Heinz Linduschka und vier KollegiatInnen vom Grundkurs Deutsch des Julius-Echter-Gymnasiums begrüßen zu dürfen. Die Veranstaltung sei ein weiteres gutes Beispiel für die erfolgreiche Zusammenarbeit von Gymnasium und Bibliothek, lobte Papke das kulturelle Engagement Dr. Linduschkas, welches diese Kooperation erst ermögliche. Moderne Bibliotheken wollten Partner der Schulen sein und diese in ihrem Bildungsauftrag unterstützen.

Mit von der Partie war außerdem der junge und vielversprechende Autor Heiko Wolz aus Kirschfurt. Schon im letzten Jahr hatte Wolz sein Romandebüt Spinnerkind in der Stadtbibliothek präsentiert. Heuer brachte er seinen zweiten, jüngst erschienenen Roman Das Mädchen auf dem Seil mit.

 

Unter dem Motto „Sommerlektüre – leicht und doch (ge)wichtig“ eröffnete Felix Blitz den Reigen an Buchvorstellungen. Der „einzig echte Kriminalroman“ des Abends Die Godin von Robert Hültner sei das Werk eines großen, aufstrebenden Erzähltalents. Im München der 1920er Jahre nimmt Paul Kajetan, ein aus dem Dienst entlassener Polizeiinspektor, eigene Ermittlungen auf, nachdem seine Freundin Mia tot aufgefunden wurde. Mord oder Selbstmord? Fast bis zum Ende bleibe diese entscheidende Frage in der Schwebe. Auf der Handlungsebene passiere über weite Strecken nicht viel, die letzten fünfzig Seiten seien jedoch regelrecht vollgepackt. Herausragend sei die atmosphärische Dichte des Krimis. Hültner zöge viele kleine, scheinbar unbedeutende Pinselstriche, die sich schließlich zu einem Meisterwerk vereinigten. Er staffiere das Ganze so geschickt aus, dass man als Leser kaum merkt, welch weitreichende Bedeutung einzelne, scheinbar belanglose Szenen für das Gesamtwerk haben.

 

 

Leah Suffel, Linda Bischoff, Felix Blitz und Martin Siegler

 

Linda Bischoff präsentierte den Roman Katzenzungen des Autorinnenduos Borger und Straub. Die drei Freundinnen Claire, Dodo und Nora unternehmen einen heiteren Ausflug, der sich mehr und mehr als Reise in die Vergangenheit und am Ende als Horrortrip entpuppt. Die drei Frauen unterscheiden sich sowohl charakterlich voneinander als auch durch ihre biographischen Hintergründe. Jede hat ihre Geheimnisse, alle drei sind in einem emotional geladenen Beziehungsgeflecht miteinander verstrickt. Durch die wechselnde Erzählperspektive komme die jeweilige Sicht der drei Freundinnen gut zur Geltung, so Bischoff. Gerade hieran werde die produktive Kooperation der ca. 1000 km voneinander entfernt lebenden Autorinnen deutlich. Im Zentrum des Buches stehe das Thema Freundschaft mit all ihren Höhen und Tiefen, was die Referentin dazu veranlasst habe, auch über eigene Freundschaften und zwischenmenschliche Beziehungen zu nachzudenken. Durch ihren vorsichtigen Hinweis auf das melodramatische Ende stimulierte Bischoff geschickt die Lese-Neugier.

 

 

JEG-Kollegiaten beim Erlenbacher Literaturtreff

 

Leah Suffel schloss sich mit der dritten Buchveröffentlichung des Frauenduos Borger und Straub an. Der Roman Im Gehege dreht sich um den fünfzigjährigen Lehrer Jon Ewermann, der sich in die schöne, neunzehn Jahre jüngere Julie verliebt. Dabei verrennt sich der überspannte Protagonist mehr und mehr in eine einseitige, subjektiv übersteigerte Liebesbeziehung und verliert sich in eine Traumwelt, die sich mit jeder Buchseite ein Stück mehr von der Realität ablöst und zum Ende hin eskaliert. Es sei daher weniger ein Liebes- oder Beziehungsroman als das Psychogramm eines liebeskranken Lehrers, wie einer der Anwesenden vorschlug.

 

Martin Siegler hatte sich mit Tirza von Arnon Grünberg an das umfangreichste Werk des Abends herangewagt. Der Buchtitel ist gleichzeitig Name einer Abiturientin, deren Vater Jürgen Hofmeester jedoch die eigentliche Hauptperson des Romans sei. Seine Tochter Tirza ist das Einzige und Letzte, woran sich der bald Sechzigjährige, wohlhabende, aber freigestellte Lektor noch festhalten kann. Mit aufopferungsvoller Hingabe verrennt sich Hofmeester mehr und mehr in eine abnorme Beziehung zu seiner Tochter. Als dem neurotischen und innerlich zerrissenen Vater klar wird, dass Tirza nach dem Abitur aus dem Haus gehen und nach Afrika reisen wird, fällt er total aus der Rolle.

Siegler bezeichnete die Erzählweise als „interessant“, verschwieg indes nicht gewisse Längen des Romans, die das leserische Durchhaltevermögen forderten. Dafür werde man jedoch gegen Ende durch einen atemberaubenden „story twist“ belohnt, der das Buch zu einem außergewöhnlichen, wenn auch stellenweise verstörenden Leseerlebnis mache.

 

Auf die Buchvorstellungen der JEG-Kollegiaten folgte die Autorenlesung

mit Heiko Wolz. Dr. Heinz Linduschka stellte den Autor vor und führte kurz in seine beiden Romane ein. Diese seien hervorragend lektoriert und nicht allein deshalb als Lesetipp zu empfehlen, weil der Autor aus dem Landkreis Miltenberg stamme. Wolz habe ein sensibles Gespür für ‚seltsame’ Figuren; man lacht nicht über sie, sondern mit ihnen.

 

 

 

Das Mädchen auf dem Seil spielt im Zirkusmilieu. Lona Rosenzweig und ihre Mutter, die ehemals berühmten Seiltänzerin Dorothea Rosenzweig stehen im Berlin der 1920er Jahre vor der Aufgabe, den abgehalfterten Zirkus Koschwitz wieder zum Leben zu erwecken. Lona muss in einer Kiste schlafen, um nicht zu schnell erwachsen zu werden, während ihre Mutter das Innere der Kiste mit allerlei Regeln vollkleistert.

 

 

Heiko Wolz liest aus seinem Roman Das Mädchen auf dem Seil

 

Wie schon im Spinnerkind thematisiert Wolz die Höhen und Tiefen der Adoleszenz, die vielschichtigen Probleme, die mit dem Erwachsenwerden sowohl für Jugendliche als auch für deren Eltern verbunden sind. Ob es sich bei seinen beiden Büchern um „skurrile Adoleszenzromane“ handele, wurde der Dreißigjährige gefragt.  Während sich Spinnerkind mehr um das Sichlösen von der Herkunftsfamilie drehe, stehe im Mädchen auf dem Seil eher das Loslassen vonseiten der Eltern im Fokus, so Wolz. Sein dritter, noch unveröffentlichter Roman werde eine ähnliche thematische Ausrichtung haben und weitere Aspekte literarisieren, wodurch eine Art Trilogie entstehe.

 

Wolz bezeichnete sich als „Freund von ersten Sätzen“. Oft sei es der erste Satz einer Geschichte, der – wenn ausformuliert – bereits den Kern der gesamten, nachfolgenden Romanhandlung in sich trage. Nicht schlecht staunten die Anwesenden, als Wolz den durchaus komplexen Anfangssatz seines zurzeit in Arbeit befindlichen Buches fließend aus dem Gedächtnis zitierte.

 

 

 Martin Siegler, Linda Bischoff, Felix Blitz, Leah Suffel, Dr. Heinz Linduschka

 

Der nächste Literaturtreff findet am Donnerstag, 31. Juli 2008, um 19.00 Uhr statt. Science-Fiction-Erzähler Markus Zeller aus dem idyllischen Erfthal, die pensionierte Lehrerin Linde Haggenmüller aus Obernburg und die Erlenbacher Schülerin Susann-Marie Grote werden eigene Texte präsentieren, die zu schade sind, um in der Schublade zu verschwinden und von der Welt nicht zur Kenntnis genommen zu werden.

 

Das Jahresprogramm mit den beiden Veranstaltungsreihen Erlenbacher Literaturtreff und Bibliotheken bilden finden Sie unter

http://www.bibliotheksfoerderverein-erlenbach.de/Veranstaltungen2008.html

 

(Fotos & Text: Sascha Papke)