Von E-Mail-Flirt und Schwellenangst
Abiturienten des Julius-Echter-Gymnasiums stellen Bücher in der Stadtbibliothek Erlenbach vor

Fast schon eine kleine Tradition: Jährlich stellen Kollegiatinnen und Kollegiaten des Julius-Echter-Gymnasiums Elsenfeld Bücher im Literaturtreff der Erlenbacher Stadtbibliothek vor, denen sie viele Leser wünschen. Das Interesse daran ist groß, auch am Donnerstag konnte Bibliotheksassistent Sascha Papke, der die Veranstaltung aufwändig vorbereitet hatte, wieder fast 30 Zuhörer begrüßen.

Leah Suffel, Felix Blitz und Martin Siegler - alle haben vor wenigen Tagen ihr Abitur am JEG abgelegt - sprachen diesmal über sechs sehr unterschiedliche Bücher. Sie schafften es, mit einer Mischung aus sachlich-informativer und gewollt subjektiver Präsentation und mit dem Lesen gut ausgewählter Passagen die Romane für die Zuhörer lebendig werden zu lassen.

Harald Grills "Hochzeit im Dunkeln" schildert die Rückkehr eines 19-Jährigen, der im Krieg sein Bein verloren hat, in die enge dörfliche Welt seiner Oberpfälzer Heimat so intensiv und anschaulich, dass klar wurde, ein begnadeter Kinder- und Jugendbuchautor kann auch beeindruckende "Erwachsenenliteratur" schreiben. "Schubladen" verstellen nämlich oft den Blick für das Wesentliche.

Bei Judith Hermanns neuem Erzählband "Alice" dürfte keiner unter den Zuhörern nach der Präsentation in Erlenbach die (Vor-)Urteile von Rezensenten übernehmen, das Buch sei "todesverliebt" oder wecke Depressionen. Zu überzeugend, zu stimmig ist die Art, wie die einst als "Fräuleinwunder der deutschen Literatur" gerühmte Autorin in fünf Geschichten ihren Umgang mit dem Tod ihr nahe stehender Menschen darstellt.

Magische Bach-Partitur Ähnlich positiv: Das Urteil über den neuen Roman von Robert Schneider, dem Autor von "Schlafes Bruder", in dem es um eine Partitur von Johannes Sebastian Bach geht, die nach ihrem Auffinden magische Kräfte entwickelt und dafür sorgt, dass nichts so bleibt, wie es war. Schneider wird übrigens mit diesem Roman - stilvoll von Orgelmusik begleitet - Anfang Oktober im Landkreis gastieren.

Rezensentenurteile wurden auch bei Daniel Kehlmanns neuem Buch "Ruhm", inzwischen auch schon wieder gut 300 000-mal verkauft, widerlegt. Martin Siegel ließ keine Zweifel daran, dass der Erfolgsautor von "Die Vermessung der Welt" auch mit diesem Buch einen großen Wurf geliefert hat, eine brillant verzahnte Sammlung von neun Geschichten, die sich zu einem schlüssigen Gesamtbild über Identitätskrisen, Krisen der Kommunikation und zwischenmenschliche Störungen runden.

Dass Siegfried Lenz' "Schweigeminute" vor allem Leser mit höherem Alter und mehr Lebenserfahrung anspricht, machte der 19-jährige Felix Blitz deutlich, als er das Buch vorstellte. Blitz, der durchaus Sensibilität für Literatur und große rhetorische Fähigkeiten besitzt, räumte ein, mit dem gedämpften, stillen Ton dieses schmalen Meisterwerks - noch - nicht viel anfangen zu können und diskutierte ganz intensiv mit einigen Leserinnen, die mit viel Überzeugungskraft die Gegenposition vertraten.

Moderne Variante des Briefromans Vielleicht der Höhepunkt - vor allem wegen der Eingängigkeit des Buches: Leah Suffels Vorstellung von Daniel Glattauers Roman "Gut gegen Nordwind": Dieser E-Mail-Roman, eine Art moderner Variante des traditionellen Briefromans, erwies sich als erstaunlich attraktiv, aber auch als facettenreich und psychologisch überzeugend.

Leah Suffel und Dr. Heinz Linduschka lesen aus Daniel Glattauers E-Mail-Roman
 „Gut gegen Nordwind“

Wie eine Zweierbeziehung über das Medium Internet entstehen und sich entwickeln kann, wie tiefe Gefühle, unglaublich witzige Situationen und tragische Entscheidungsmomente in E-Mail-Form gegossen werden können, führte auch eine ausführliche Lesung mit verteilten Rollen vor - eine Art der Präsentation, die auch Menschen an Literatur heranführen kann, die bei anspruchsvollen Büchern unter "Schwellenangst" leiden.

(Dr. Heinz Linduschka, Main-Echo-Artikel vom 27.06.2009)