Autorenlesung mit Sandra Vogt"Ich wollte einen Galgen-Toten. Aber wie bekommt man einen Galgen in die heutige Zeit?"
Eine Krimilesung stand am Donnerstagabend auf dem Veranstaltungsprogramm der Stadtbibliothek, die nunmehr fünfte Autorenlesung in Folge im Rahmen des Erlenbacher Literaturtreffs. Die vierteljährliche Veranstaltungsreihe unter Leitung von Sascha Papke hat sich zu einer etablierten Plattform für Literatur-Events entwickelt, die von Autoren aus der Region immer wieder gern genutzt wird, um persönlich mit ihrem Lesepublikum in Kontakt zu treten. Unter anderen hatten bisher Dr. Karl-Heinz Meyer, Pit Falkenstein, Heiko Wolz, Trudi Graf, Edeltraud Glaab sowie eine Reihe von Hobbyautoren ihre Werke beim Literaturtreff präsentiert.
Am vergangenen Donnerstag war die Obernburger Autorin Sandra Vogt zu Gast mit ihrem Romandebüt Eine Vorstellung vom Tod - Ein Krimi aus Aschaffenburg. Sandra Vogt, Jahrgang 1979, verbrachte Kindheit und Jugend in Wenigumstadt. Bis zur Geburt ihrer beiden Söhne arbeitete sie als Erzieherin. Während der Elternzeit entdeckte sie das Schreiben für sich und so entstand ihre Erstveröffentlichung, ein Regionalkrimi, der zum Großteil im Aschaffenburger Provinznest Biebigheim spielt, einem ‚fiktiven‘, d.h. heute nicht mehr existierenden Ort, der jedoch historisch belegt ist. Für den Romanbeginn wählte die Dreißigjährige eine in der modernen Kriminalliteratur eher selten anzutreffende Todesart: Pierre Pratzcek, Schauspieler am Aschaffenburger Stadttheater, wird mitten in der Vorstellung stranguliert: Tod durch Erhängen lautet der kriminologische Befund. Der Intendant gibt beim Verhör zu Protokoll: „Pierre Pratzcek spielte den Mackie Messer in der Dreigroschenoper. Heute Abend in der Vorstellung sollte er wie immer am Ende gehängt werden. An dem Mechanismus, der den Strick abstoppen soll, muss irgendetwas defekt gewesen sein. Er hat sich vor dem Publikum, sozusagen, erhängt. Das Publikum hat wie wild applaudiert, weil sie dachten er hätte überragend gespielt.“
„Ich wollte einen Galgen-Toten, doch wie bekommt man einen Galgen in die heutige Zeit? So kam ich aufs Theater, denn ich wollte ja keinen historischen Roman schreiben“, kommentiert Vogt ihr grausig-geniales Einführungskapitel.
Kommissar Leonard Kastner, der nur allzu menschliche aber auch sehr männliche Protagonist, ermittelt und stößt schon bald auf ein schmutziges Geheimnis. Ein fein gewobenes Netz aus Lügen und Intrigen spinnt sich um den charismatischen Geistlichen Ullrich Siebrecht aus Biebigheim, der sowohl mit dem Mord im Theater als auch mit dem Suizid einer jungen Frau aus seiner verschlafenen Heimatgemeinde in Verbindung zu stehen scheint. Gleichzeitig wird Siebrecht von einem unheimlichen Stalker terrorisiert, der den Pfarrer systematisch in den Wahnsinn oder gar Selbstmord zu treiben sucht. All dies ereignet sich vor dem Hintergrund einer biederen Dorfgemeinschaft. Ganz nach Art der Dramaturgie klassischer Kriminalliteratur zeigt sich im Laufe der Ermittlungen, dass eine ganze Reihe von Personen ein klares Motiv für den Mord hatte, was die Lösung des Falls erheblich verkompliziert. Ein bizarres Verwirrspiel, gespeist von vielfältigen traumatischen Erfahrungen der handelnden Figuren, die in vereinzelten Rückblenden erzählt und geschickt mit der Handlung verwoben sind. Hinter der biederen Fassade der Biebigheimer tun sich Abgründe auf, in die hineinzublicken auch dem krimigewohnten Leser starke Nerven abverlangt.
Anderthalb Jahre habe Vogt an dem Buch gearbeitet. Zwar plane sie regelmäßige Schreibtage in ihren Wochenrhythmus ein, doch erfahre sie auch immer wieder regelrechte Schreibschübe, dann gehe es mit der Handlung besonders gut voran. Ihr Schwiegervater ist selbst Richter und hat das Manuskript aus juristischer und ermittlungstechnischer Sicht mehrfach Korrektur gelesen. Vieles musste verändert, korrigiert und verbessert, manches ganz gestrichen werden. „So ging mein Text durch eine harte Schule“, erklärt die Autorin zum Entstehungsprozess ihres Erstlings. Über ihre Inspiration zum Schreiben sagt sie: "Für mich beginnt Literatur im Kleinen. In einer Idee, einem Traum oder einer Situation, die einen fesselt, die einen nicht mehr los lässt, bis man sie zu Papier gebracht hat."
Sandra Vogt möchte jedem Mut machen, der den Drang zum Schreiben in sich verspürt. Auf ihrer Homepage unter www.sandra-vogt.com findet sich der Satz: "Schreibt, weil es Spaß macht und weil es gut tut. Auch wenn man keine Leser finden sollte, so hat man durch das Schreiben wenigstens etwas Gutes für sich getan."
Seit 2003 lebt Sandra Vogt mit ihrem Mann und den beiden Kindern in Obernburg. Neben Prosatexten schreibt sie auch Musicals, Theaterstücke und Drehbücher für Dinner-Krimis. Zurzeit leitet sie den Kurs "Literarisches Schreiben" an der VHS Erlenbach. Die dort erarbeiteten Texte werden von den Kursteilnehmern bei einer gemeinsamen Lesung am 27. Mai in der Stadtbibliothek vorgestellt. Der nächste Literaturtreff findet am 23. Juni, 19 Uhr, statt. Unter Leitung von Dr. Heinz Linduschka stellen Kollegiaten vom JEG Elsenfeld Romane vor, die sie während des Schuljahres gelesen und schätzen gelernt haben.
|